Ein chronischer Tinnitus wird von Betroffenen oft als immense Belastung wahrgenommen. Das permanente Pfeifen oder Rauschen im Ohr schränkt vor allem die Lebensqualität im Alltag häufig stark ein. Schätzungen zufolge ist die Zahl der Menschen, die unter diesen anhaltenden Ohrgeräuschen leiden, auf einem hohen Niveau. Häufig tritt ein Tinnitus in Verbindung zu akuten Hörereignissen, wie einem Hörsturz, auf.
In der modernen medizinischen Forschung wird das Ohrgeräusch zunehmend als biologischer Stressfaktor verstanden. Eng mit der körpereigenen Stressachse, der sogenannten Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse), verknüpft, beeinflusst es die Freisetzung des Stresshormons Cortisol. Dies kann einen biologischen Kreislauf aus physischer Überlastung und psychischem Stress in Gang setzen.
Wie hängen Tinnitus und Stress zusammen? Und wie Flüssigkeitsmangel die Stressachse triggert und was Nerven nützt. Hier gibt es die Antworten.
Welche Rolle hat Stress im menschlichen Körper?
Stress ist primär verantwortlich für die Ausschüttung von Cortisol. Das Hormon Cortisol erfüllt lebenswichtige Aufgaben im menschlichen Organismus und steuert zahlreiche Stoffwechselprozesse.
In kurzfristigen Stresssituationen sorgt Cortisol für eine schnelle Bereitstellung von Energiereserven:
- Energiemobilisierung: Es regt die Glukoseneubildung an, wodurch der Blutzuckerspiegel steigt und Gehirn sowie Muskulatur rasch Energie erhalten.
- Stoffwechselregulation: Es greift regulierend in den Fett-, Eiweiß- und Kohlenhydratstoffwechsel ein.
- Immunmodulation: Cortisol besitzt ausgeprägte Eigenschaften auf die Funktion des Immunsystems, um überschießende entzündliche Prozesse im Gewebe zu kontrollieren.
Die Ausschüttung von Cortisol unterliegt einer natürlichen biologischen Tagesrhythmik:
- Morgendliches Hoch: Kurz nach dem Erwachen erreicht der Spiegel im Blut sein Maximum. Dies ist wichtig, um den Organismus für den Tag zu aktivieren.
- Nächtliches Tief: Im Laufe des Tages sinkt die Konzentration kontinuierlich ab. In der Nacht erreicht es den niedrigsten Punkt, um Regenerationsphasen zu ermöglichen.
Neben den positiven, schützenden Aufgaben von Cortisol kann es auch gegenteilige Effekte haben. Insbesondere akuter Stress kann zu einer erhöhten Ausschüttung führen. Im Normalfall sinkt der Cortisolspiegel jedoch wieder ab, sobald der Stress vorbei ist.
Auswirkungen von chronischem Stress
Verbleibt das System jedoch durch anhaltende Stressoren in dauerhafter Bereitschaft, sinkt der Cortisolspiegel nicht mehr ausreichend ab. Dies hat Folgen und diese können vielfältig sein, u.a.:
- Chronische Erschöpfungszustände, eine geminderte Konzentrationsfähigkeit sowie Stimmungsschwankungen.
- Ein dauerhaft veränderter Hormonspiegel beeinträchtigt zudem den Glukosestoffwechsel und kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme erhöhen.
- Da Cortisol eine aktivierende Wirkung besitzt, erschwert ein abendlicher Überschuss das Einschlafen und stört die Tiefschlafphasen.
Den Cortisolspiegel selbst zu beeinflussen ist nur begrenzt möglich. Entspannungsübungen, regelmäßige Bewegung, ausgewogen ernähren und progressive Muskelentspannung können etwas Abhilfe schaffen. Die individuellen Bedürfnisse stehen hierbei im Fokus.
Tinnitus und Stress: Der biologische Zusammenhang zwischen Tinnitus und Cortisol
Ein Tinnitus kann also durch Stress ausgelöst werden. Die daraus resultierenden Ohrgeräusche verursachen wiederum Stress für die Betroffenen. Ein Teufelskreis.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass eine intensiv empfundene Belastung durch Ohrgeräusche mit messbar veränderten Cortisolwerten einhergehen kann. Untersuchungen von Haarproben zeigten sogar bei starker Belastung veränderte Hormonprofile (1). Dies deutet darauf hin, dass das permanente Geräusch den Organismus in einer dauerhafte Alarmbereitschaft halten kann.
Modifikation der Basiswerte
Betroffene weisen in klinischen Untersuchungen häufig unregelmäßige Cortisol-Basiswerte im Tagesverlauf auf. Diese Abweichungen gelten in der Endokrinologie als Indikator für eine gestörte Regulation der hormonellen Stressantwort.
Das Phänomen der abgeschwächten Hormonantwort
Interessanterweise führt eine langjährige Überstimulation der HPA-Achse bei manchen Betroffenen zu einer sogenannten „Blunted Response“. Dies bedeutet, der Körper reagiert mit einer abgeflachten Reaktion auf neue, akute Stressreize. Das hormonelle System reagiert paradoxerweise mit einer verminderten Ausschüttung von Cortisol.
In der Forschung wird dies als Zeichen einer beginnenden Erschöpfung des hormonellen Regulationssystems diskutiert. Zudem wird vermutet, dass ein dauerhaft veränderter Hormonspiegel ebenso die Mikrozirkulation im Innenohr beeinflussen können. Ebenso wie lokale Prozesse in den zentralen Hörbahnen .
Ob stressbedingter Tinnitus wieder weggeht, hängt von vielen Faktoren ab.
Neue Forschungsdaten: Welchen Einfluss hat die Hydratation?
Eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung der Liverpool John Moores University (LJMU) liefert bemerkenswerte Erkenntnisse. Diese besagt, dass Lebensgewohnheiten, sowie die tägliche Flüssigkeitsaufnahme, die Aktivität unserer Stressachse beeinflussen können (2).
Die Ergebnisse der Untersuchung zeigten ein deutliches Paradoxon. Bei Flüssigkeitsmangel kam es zu einer massiv verstärkten Cortisolausschüttung. Dennoch verspürten die dehydrierten Teilnehmer weder mehr Durst noch eine gesteigerte Ängstlichkeit (2). Der Organismus gerät somit auf biologischer Ebene unter erheblichen Stress, ohne dass dies bewusst wahrgenommen wird.
Der zugrundeliegende Mechanismus wird über das Hormon Vasopressin (ein im Hypothalamus gebildetes Peptidhormon) gesteuert. Bei einem Flüssigkeitsdefizit wird Vasopressin ausgeschüttet, um Wasser in den Nieren zurückzuhalten. Gleichzeitig stimuliert dieses Hormon jedoch Rezeptoren im Hypothalamus und kurbelt so die Produktion von Cortisol an. Für Menschen mit Tinnitus bedeutet dies, dass eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr den Tinnitus verstärken kann.
Mikronährstoffe zur Unterstützung des Nervensystems
Zur Unterstützung des Nervensystems und zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress können bestimmte Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente einen wertvollen Beitrag leisten:
Magnesium: Beitrag zur normalen Nervenfunktion
Magnesium erfüllt lebenswichtige Aufgaben im gesamten Organismus und ist unter anderem an der Reizübertragung zwischen den Nervenzellen beteiligt.
Magnesium trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei. Daher ist ein ausgewogener Magnesiumstatus wichtig. Darüber hinaus leistet Magnesium einen Beitrag zur normalen psychischen Funktion und zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung.
Vitamin B12: Erhalt der Nervenhüllen
Vitamin B12 ist ein essenzielles Vitamin, das im menschlichen Körper für zahlreiche biologische Prozesse benötigt wird.
Da Vitamin B12 eine wichtige Rolle bei der normalen Funktion des Nervensystems, sowie bei einer normalen psychischen Funktion spielt, ist eine ausreichende Versorgung elementar für den gesamten Organismus. In klinischen Beobachtungen wurde die gezielte Zufuhr bei bestehenden Mangelzuständen untersucht.
Zink: Schutz vor oxidativem Stress
Zink trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen.
Wichtiger Einnahmehinweis („Zink-Magnesium-Falle“): Hochdosiertes Magnesium (ab ca. 250 mg) und Zink können sich bei gleichzeitiger Einnahme gegenseitig in ihrer Aufnahme behindern. Ein zeitlicher Abstand von mindestens vier Stunden zwischen den Präparaten wird empfohlen.
Fazit
Die aktuelle Datenlage verdeutlicht, dass ein Tinnitus eng mit Stress und dem Flüssigkeitshaushalt des Körpers interagiert. Eine ausreichende und regelmäßige Flüssigkeitszufuhr ermöglicht eine einfache, aber effektive Basismaßnahme im Alltag. Ergänzend kann eine gezielte Versorgung mit Magnesium, Vitamin B12 und Zink dazu beitragen, die normale Funktion des Nervensystems zu unterstützen und den zellulären Schutz vor oxidativem Stress zu verbessern.
Wichtige Hinweise
Viele Effekte treten erst nach einer Sättigungsphase ein (oft 4 bis 12 Wochen). Eine Überprüfung der Blutwerte beim Arzt ist ratsam, um gezielt Mängel (insbesondere B12 und Zink) auszugleichen.
Geduld ist der Schlüssel
Die gezielte Zufuhr von Mikronährstoffen benötigt in der Regel Kontinuität. Da biologische Prozesse im Körper und die normale Funktion des Nervensystems Zeit für Anpassungen und Regeneration benötigen, zeigt sich ein stabiler Status meist erst nach einer regelmäßigen Einnahme von mehreren Wochen. Studien, z.B. zu Q10 oder B12, zeigen meist erste Effekte nach einer regelmäßigen Einnahme von 8 bis 12 Wochen.
Wichtig ist es dabei zu beachten, dass Koffein die Ausscheidung von Magnesium und B-Vitaminen fördern kann. Nach dem Frühstückskaffee sollte daher erst nach etwa 30–60 Minuten mit der Supplementierung begonnen werden. Die Aufnahme von Flüssigkeit ist ebenso bedeutsam. Über den Tag verteilt sollten es mindestens 2 Liter Wasser sein, um den Flüssigkeitshaushalt des Körpers optimal zu unterstützen.
Eine ärztliche Beurteilung des großen Blutbildes ist ebenso ratsam. So können speziell Vitamin B12 (Holo-TC Wert) und Zink geprüft werden. Ein massiver Mangel braucht oft höhere Dosen. Während eine Überdosierung von Zink auf Dauer den Kupferhaushalt stören kann.
Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine medizinische Diagnose oder Therapie. Die Anwendung von Mikronährstoffen sollte bei chronischen Beschwerden idealerweise auf Basis von Laborwerten und in Absprache mit einem Arzt oder einer Fachkraft erfolgen.
Hat der Artikel: Tinnitus und Stress: Wie Mikronährstoffe unterstützen, gefallen? Weitere interessante Beiträge z.B. zu langanhaltender Vitalität oder Darmgesundheit gibt es in unserem Journal.
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Quellen
(1) Basso, L. et al. (2022). Association Between Tinnitus Distress, Perceived Loudness, and Hair Cortisol Levels in Chronic Tinnitus Patients. Frontiers in Neuroscience, 16, Article 854321.
(2) Fairclough, S. H. et al. (2025). The Impact of Hydration Status on Cortisol Reactivity and Subjective Stress During the Trier Social Stress Test. Liverpool John Moores University Research Archive, Online-Vorveröffentlichung.
(3) Khan, M. et al. (2007). Coenzyme Q10 over 12 weeks in patients with chronic tinnitus and low plasma CoQ10 levels: a pilot study. Charité Berlin / Otolaryngology – Head and Neck Surgery, 137(2), 241–245.
Prof. Dr. Jörg Breitenbach entwicklete als Experte wegweisende Produkte im Bereich der Infektionskrankheiten und Neurowissenschaften. Dabei verbindet er jahrzehntelange Erfahrung in internationaler Forschung mit unternehmerischer Innovation.
Als Auszeichnung seiner Leistungen wurde er im Jahr 2020 als Fellow in das American Institute for Medical and Biological Engineering (AIMBE) aufgenommen.
Neben seiner Rolle als Autor von Fachpublikationen, ist er zudem aktives Mitglied renommierter Gremien.
- Prof. Dr. Breitenbach Jörg
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